Fachkräftemangel in der IT – Teil 1: Irreführende Zahlen

Fachkräftemangel in der IT – Teil 1: Irreführende Zahlen

Große Unternehmen und Konzerne sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, bei der Beschaffung von IT-Fachkräften mit nur noch wenigen Dienstleistern zusammenzuarbeiten. Das gilt sowohl für die Suche von Mitarbeitern zur Festanstellung als auch im freiberuflichen Bereich. Während es vor 10 oder 15 Jahren noch sehr üblich war, dass viele der TOP 100 deutschen Unternehmen für die Besetzung offener Stellen mit vielen, teils recht spezialisierten Agenturen kooperierten, sind es heute meist nur noch zwei bis drei der ganz großen, oft internationalen Player.

Der Grund dafür liegt natürlich auf der Hand: Es ist einfacher und bequemer, seine offenen Stellen mit wenigen Recruiting-Dienstleistern abzustimmen, als einen ganzen Rudel von Personalagenturen zu betreuen. Die großen Agenturen, die von dieser Lage profitieren, sind also bei fast allen großen Unternehmen gelistet und erhalten pro Jahr von Ihren Kunden teilweise mehrere hundert Anfragen nach IT-Fachkräften – je Kunde. Um diese Flut bewältigen zu können, setzen die Top-Recruiter nicht nur eigene Mitarbeiter ein, sondern bedienen sich auch kleinerer Agenturen, die ähnlich wie ein Schneeball-Prinzip die Anfragen übernehmen und ihrerseits im Markt nach geeigneten Kandidaten suchen. Nicht selten lassen sich auch diese B-Level Agenturen wiederum von noch kleineren Agenturen – häufig Einzelkämpfern – zuarbeiten. Ein wunderbares Kettengeschäft.

Da sich der Beschaffungsmarkt für IT-Kräfte fast vollständig auf Online-Plattformen abspielt, führt diese Konstellation dazu, dass ein und dieselbe Stellenausschreibung zunächst von dem Dienstleister online gestellt wird, der den Endkunden direkt betreut, und zusätzlich von einer Reihe kleinerer (und noch kleinerer) Agenturen. Nicht selten taucht eine Anfrage dank dieses zwei- bis dreistufigen Modells am Ende sechs oder sieben Mal im Internet auf. Und wird natürlich statistisch als sechs oder sieben verschiedene offene Positionen erfasst, da viele Studien einfach die Zahl von Online-Ausschreibungen abgreifen und nicht genauer differenzieren (können).

Wenn wir also regelmäßig lesen, wie viele tausend Software-Entwickler, -Architekten, -Designer, -Tester, usw. auf dem deutschen Markt fehlen, können wir getrost einen beträchtlichen Teil davon als „Mehrfacherfassungen“ abziehen. Aber das alles verfälscht nicht nur die Statistik, es ist auch kompletter betriebswirtschaftlicher Unsinn. Das Prinzip führt nämlich dazu, dass das einstellende Unternehmen am Ende oft Aufschläge für mehrere Agenturen bezahlt. Während sich das bei Festanstellungen im Rahmen hält, da die Hauptagentur des Endkunden ihre Suchkosten in eine pauschale und einmalige Prämie einpreist, kommt es auf dem Freiberufler-Markt zu teilweise grotesken Kalkulationen. Nicht selten bezahlt ein Unternehmen für eine IT-Fachkraft z.B. 90 Euro pro Stunde, während der freiberufliche Mitarbeiter nur 60 Euro je Stunde in Rechnung stellen kann. Die Differenz wird auf mehrere Zwischenglieder in der Nahrungskette verteilt, die natürlich alle mitverdienen wollen. Es mutet schon seltsam an, dass gerade Großunternehmen, die teilweise tausend und mehr externe IT-Kräfte beschäftigen, alleine aus Gründen der Bequemlichkeit horrende Aufpreise bezahlen – und im gleichen Atemzug über Kostendruck und Rationalisierungszwang klagen. Wenn durch derartige Kettengeschäfte selbst nur 10 Euro je Stunde und Freiberufler mehr aufgewendet werden müssen, ergibt das bei z.B. 1.000 Freiberuflern in einem Grosskonzern im Durchschnitt 17.6 Millionen Euro jährlich. Da darf man schon mal die Frage stellen, weshalb man nicht für einen Bruchteil dieses Betrages eine Handvoll zusätzlicher Mitarbeiter in den HR- und Einkaufsabteilungen der suchenden Konzerne einstellt, damit diese sich mit mehr als zwei oder drei Agenturen beschäftigen können. Und damit im Übrigen den gesamten Personalmarkt wettbewerbsfähiger machen würden.

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